Anpassung von Wäldern durch Unterstützte Migration: Potenziale und Risiken

Autor/innen

  • Prof. Dr. Ralf Kätzel Landeskompetenzzentrum Forst Eberswalde
  • Prof. Dr. Jürgen Bauhus Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
  • Prof. Dr. Ewald Endres Hochschule Weihenstephan-Triesdorf
  • Prof. Dr. Matthias Dieter Johann Heinrich von Thünen-Institut image/svg+xml
  • Prof. Dr. Friederike Lang Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
  • Dr. Peter Meyer Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt image/svg+xml
  • Prof. Dr. Ulrich Schraml Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg image/svg+xml
  • Prof. Dr. Gabriele Weber-Blaschke Technische Universität München
  • Prof. Dr. Nina Farwig Philipps-Universität Marburg
  • Prof. Dr. Ing. Annette Hafner Ruhr-Universität Bochum
  • Prof. Dr. Birgit Kleinschmit Thünen-Institut
  • Prof. Dr. Thomas Knoke, Technische Universität München
  • Dr. Marcus Lindner European Forest Institute image/svg+xml
  • Prof. Dr. Jörg Müller Universität Würzburg
  • Prof. Dr. Ute Seeling Berner Fachhochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL

DOI:

https://doi.org/10.12767/kn17nb03

Abstract

Die aktive Anpassung unserer Wälder an die rasch voranschreitenden Klimaveränderungen und ihrer Folgewirkungen verlangt ein breites Spektrum an waldbaulichen Maßnahmen und ist an weitreichende politische und rechtliche Rahmenbedingungen zu ihrer Umsetzung geknüpft.

Ein Element dieser Anpassungsstrategie ist die unterstützte Migration von alternativen Baumarten und Herkünften (im Englischen „Assisted Migration“). Unter unterstützter Migration verstehen wir die aktive Einbringung von Baumarten und Herkünften in Waldbestände außerhalb ihres derzeitigen Verbreitungsgebietes, um die Anpassungsfähigkeit der Wälder im Klimawandel zu erhöhen. Hinsichtlich der verwandtschaftlichen Nähe zwischen bestehenden und eingebrachten Populationen und der Ausbreitungsdistanzen unterscheiden wir drei unterschiedliche Stufen der unterstützten Migration:

       a)      Einbringung von alternativen Herkünften in das bestehende Verbreitungsgebiet einer Art,

       b)      Ausdehnung des gegenwärtigen Verbreitungsgebiets einer Baumart in Richtung zukünftig zuträglicher Standorte und

       c)      Einführung gebietsfremder Baumarten über weite Distanzen (z. B. von anderen Kontinenten).

Insbesondere die letztgenannte Art der unterstützten Migration wurde in Deutschland seit Ende des 19. Jahrhunderts für eine begrenzte Anzahl von Baumarten praktiziert, vor allem mit ertragskundlichen Zielsetzungen.

Heute wird die Motivation für eine unterstützte Migration von Baumarten und Herkünften vor allem von der Sorge getragen, dass die Anpassungsfähigkeit heimischer Arten und Herkünfte nicht mit dem Ausmaß und der Geschwindigkeit der Umweltveränderungen standhalten kann. Gleichzeitig laufen natürliche Migrationsprozesse zu langsam ab, um mit der klimabedingten Verschiebung der Standortbedingungen mitzuhalten.

Im Rahmen der Risikovorsorge stellt daher die Suche nach besser klimaangepassten Alternativbaumarten und -herkünften sowie deren gezielte Einbringung in neu zu begründende und bestehende Mischwälder eine wichtige und weitreichende Option dar, um die Stabilität und Resilienz von Wäldern zu erhöhen, so dass diese auch zukünftig die gewünschten Ökosystemleistungen bereitstellen können. 

Dennoch ist die Bewertung der unterstützten Migration von Alternativbaumarten und -herkünften Gegenstand eines kontrovers geführten gesellschaftlichen und fachlichen Diskurses zu den Zielen und Wegen einer künftigen Waldentwicklung unter deutlich veränderten Umweltbedingungen. Das Vorsorgeprinzip wird nicht nur für die unterstützte Migration - hier im Sinne der Aufrechterhaltung von Ökosystemleistungen - herangezogen, sondern auch für die Bewahrung einer naturnahen Zusammen-setzung von Ökosystemen und zur Vermeidung möglicher Risiken, die mit der Einführung von Herkünften und Baumarten verbunden sind. Die kontroversen Sichtweisen spiegeln sich u. a. in politischen Strategien, rechtlichen Rahmenbedingungen und anderen Governance-Instrumenten wider (z. B. Forstliche Förderung oder Zertifizierung), die im Gutachten reflektiert werden.

Zum einen sind mit der unterstützten Migration hohe Erwartungen verknüpft, z. B. hinsichtlich der Klimaresilienz künftiger Wälder, ihrer ökosystemaren Stabilität sowie ihrer Produktivität und Kohlenstoffspeicherung. Zum andern wird auf eine Vielzahl von Risiken hingewiesen, die vom mangelnden Etablierungserfolg neuer Arten, über die phytosanitäre Belastung von eingeschleppten Krankheiten und Schädlingen mit dem Vermehrungsgut bis zu negativen Auswirkungen auf Ökosysteme und Biodiversität reichen. Für alle befürwortenden und ablehnenden Argumente liegen eine Reihe von Einzelbeobachtungen, Studien und wissenschaftlichen Übersichtsarbeiten vor, die einer Gesamtbewertung unterzogen werden müssen. Im Kern geht es um eine Abwägung unterschiedlicher (baumartenspezifischer, ökosystemarer und globaler) Potenziale und Risiken der Baumarten auf der Grundlage des aktuellen Wissensstandes. Ob potenzielle Alternativbaumarten für die unterstützte Migration empfohlen werden können, hängt von der aktuellen Einschätzung ihrer künftigen Verwendung und Wirkungen im Ökosystem ab. Hierzu sind Referenzsysteme hilfreich, bei denen die einzuführenden Arten und Herkünfte gegenüber heimischen Arten und Herkünften bewertet werden (z. B. Orientbuche vs. Europäische Rotbuche oder Türkische Tanne vs. Weißtanne), da es absolute Bewertungskriterien angesichts großer Unsicherheiten nicht gibt.

Hierzu sind in den vergangenen Jahren u.a. von den Ressortforschungseinrichtungen der Bundesländer eine Vielzahl von Baumarten (n>100) hinsichtlich ihrer Anbaueignung unter Berücksichtigung der (künftigen) regionalen standörtlichen Bedingungen und wald-politischen Ziele bewertet worden. Derzeit liegt das für die unterstützte Migration empfohlene Baumartenspektrum, das auch den verstärkten Anbau bestimmter heimischer Arten einschließt, deutlich unter 20 Arten, die zusätzlich durch unterschiedliche Herkünfte differenziert werden.

Eine von Menschen unterstützte Verbreitung von Baumarten und Herkünften aus zumeist wärmeren und trockeneren Regionen kann nur über den Transfer von Saatgut und in Ausnahmen von Pflanzen erfolgen. Daher kommt dem in Deutschland zumeist privat organisierten Saatguthandel und den Baumschulen eine Schlüsselrolle zu. Zu den Voraussetzungen der Einfuhr und Verbringung des Saatgutes gehören u. a., dass biologisch geeignete und rechtlich gesicherte beerntbare Vorkommen in entsprechenden Klimaregionen ausgewiesen sind, das Saatgut nach überprüfbaren Mindestkriterien geerntet wird und für den Export zur Verfügung steht. Damit im Zusammenhang stehen eine Reihe von gesetzlichen Regelungen zur Erzeugung, Verbringung und Verwendung von forstlichem Vermehrungsgut. Gerade im Hinblick auf die unterstützte Migration können rechtliche Vorgaben diese entweder erleichtern, erschweren oder sogar vollständig verhindern. Das Gutachten gibt u.a. einen Überblick über die einschlägigen rechtlichen Rahmenbedingungen und untersucht deren Auswirkungen auf die unterstützte Migration.

Neben der Bereitstellung von forstlichem Vermehrungsgut ist die risikoarme, rechtssichere und effiziente Verwendung der Baumarten und Herkünfte im Rahmen des waldbaulichen Handels ein zweiter wesentlicher Faktor für den Erfolg oder Misserfolg der unterstützten Migration. Das Gutachten geht daher auf die wesentlichen Aspekte ein, die bei der waldbaulichen Integration von alternativen Arten und Herkünften berücksichtigt werden sollten. Diese reichen von der Baumartenauswahl, über Mischungsanteile, geeignete Zeitpunkte der Einbringung bis zum waldbaulichen Management etablierter Bestände.

Mit dieser Stellungnahme gibt der WBW eine Reihe von Handlungsempfehlungen, um einerseits die Potenziale der unterstützten Migration zu nutzen und andererseits die damit verbundenen Risiken zu mindern. Dies verlangt nach einer stärkeren Steuerung und Beratung bzgl. der Verwendung alternativer Arten und Herkünfte. Gleichfalls sollte die aktive Einbringung von einem flankierenden Wirkungsmonitoring, das auch die Veränderung genetischer Strukturen von künftigen Waldgenerationen einschließt, begleitet werden.

Angesichts der naturalen und rechtlichen Rahmenbedingungen sowie der Unsicherheiten sowohl der Klimaentwicklung als auch der Potenziale unterstützter Migration, ist in der nahen Zukunft eine Umsetzung wahrscheinlich nur auf geringen Anteilen der Waldfläche möglich. Im Rahmen eines adaptiven Waldmanagements kommt diesen Waldbeständen allerdings eine zentrale Bedeutung als Lern- und Anschauungsflächen zu, um die Potenziale und Risiken der unterstützen Migration im Klimawandel künftig besser abschätzen zu können.

In der Gesamtbetrachtung stellt die unterstützte Migration einen wichtigen Bestandteil eines Gesamtkonzeptes zur Klimaanpassung und zum generellen Waldumbau hin zu anpassungsfähigen und resilienten Mischbeständen dar. Unter Beachtung der aufgezeigten Rahmenbedingungen sollten die Möglichkeiten zur unterstützten Migration von Baumarten und Herkünften stärker genutzt und gefördert werden.

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Veröffentlicht

2026-04-13