Rollenbilder von jungen Frauen in der Landwirtschaft in Nordwestdeutschland
DOI:
https://doi.org/10.12767/buel.v104i1.554Abstract
Familienbetriebe bilden das Rückgrat der Landwirtschaft in Nordwestdeutschland, indem sie Familienleben, landwirtschaftliche Arbeit und wirtschaftliche Aktivitäten miteinander verknüpfen. Dieser Erfolg basiert auf der engen Zusammenarbeit und gegenseitigen Unterstützung innerhalb der Familie, die zur wirtschaftlichen Stabilität und langfristigen Planung der landwirtschaftlichen Betriebe beiträgt. Gleichzeitig führt die enge Verzahnung von Familie und Betrieb oft zu Konflikten, da sich persönliche und betriebliche Belange schwer trennen lassen und traditionelle Rollenmuster von Mann und Frau meist fortbestehen. Vor diesem Hintergrund untersucht die vorliegende qualitative Studie die zukünftigen Rollenbilder junger Frauen, die in landwirtschaftliche Familienbetriebe in Nordwestdeutschland eingeheiratet haben. Ziel ist es, aus Sicht dieser Frauen ein zukunftsfähiges, erfüllendes Rollenverständnis in familiär-betrieblichen Kontexten herauszuarbeiten. Grundlage der Analyse sind sechs leitfadengestützte Interviews mit Frauen aus verschiedenen Betriebsformen, ergänzt durch eine strukturierende qualitative Inhaltsanalyse. Die Ergebnisse gliedern sich in fünf zentrale Dimensionen: Rückblick und Ist-Zustand, Soll-Zustand, Unterstützungsbedarfe, Umfeld/Rahmenbedingungen sowie Idealzustand. Im Rückblick wird deutlich, dass die Elterngeneration der interviewten Frauen stark durch patriarchale Rollenmuster geprägt war, die oft zu einer strukturellen Unsichtbarkeit weiblicher Arbeitskraft führten. Im Kontrast dazu formulieren die Befragten ein Soll-Verständnis, das auf partnerschaftlicher Aufgabenteilung, finanzieller Unabhängigkeit, rechtlicher Absicherung und individueller Selbstverwirklichung basiert. Diese Sollbilder stehen jedoch häufig im Spannungsfeld mit realen betrieblichen und familiären Strukturen. Die Unterstützungsbedarfe der Frauen richten sich insbesondere auf rechtliche Beratung, geschützte Austauschformate, zielgruppengerechte Weiterbildungen sowie eine bessere soziale Infrastruktur im ländlichen Raum. Das familiäre Umfeld – insbesondere das Zusammenleben mit Schwiegereltern – wird ambivalent bewertet: Einerseits als Ressource, andererseits als Quelle struktureller Abhängigkeit. Der Idealzustand beschreibt ein Gleichgewicht zwischen beruflicher Selbstständigkeit, familiärer Einbindung und psychischer Entlastung. Die Studie verdeutlicht, dass Gleichstellung in landwirtschaftlichen Kontexten nicht allein durch individuelle Anpassung erreicht werden kann, sondern struktureller Veränderungen bedarf. Sie liefert differenzierte Einblicke in das Aushandeln weiblicher Rollen auf landwirtschaftlichen Betrieben und positioniert sich zugleich im gesamtgesellschaftlichen Diskurs zu Gendergerechtigkeit. Politische, agrarsoziale und bildungspolitische Maßnahmen sind notwendig, um die formulierten Idealbilder in reale Handlungsmöglichkeiten zu überführen. Die Studie leistet damit einen praxisnahen Beitrag zur Sichtbarmachung weiblicher Perspektiven in der deutschen Landwirtschaft.
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